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17.12.2008

Dr. Franz Josef Jung

Geißel der Piraterie wirkungsvoll entgegentreten

Rede zur Piraterie-Bekämpfung




1) Beratung Antrag Bundesregierung
Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der EU geführten Operation ATALANTA zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias auf Grundlage des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen von 1982 und der Resolutionen 1814 (2008) vom 15.05.08 1816 (2008) vom 02.06.08, 1838 (2008) vom 07.10.08, 1846 (2008) vom 02.12.2008 und nachfolgenden Resolutionen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen in Verbindung mit der Gemeinsamen Aktion 2008/851/GASP des Rates der Europäischen Union vom 10.11.08
- Drs 16/11337 -


Herr Präsident!
Meine lieben Kolleginnen und Kolle­gen!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
 
Lieber Kollege Stinner, zunächst einmal Folgendes: Sie können davon ausgehen, dass unsere Marine, wenn der Deutsche Bundestag dieses Mandat verabschiedet, ihren Auftrag in hervorragender Art und Weise erfüllen wird.
 
(Dirk Niebel [FDP]: Das bestreitet doch keiner!)
 
Ich kann Ihnen sagen: Es ist aus meiner Sicht dringend notwendig und liegt auch in unserem eigenen Interesse, der Geißel der Piraterie wirkungsvoll entgegenzutreten, um Seesicherheit und freien Seehandel zu gewährleisten. Das ist auch aus humanitären Gründen von Bedeutung. Ich bitte den Deutschen Bundestag um Zustimmung, da­mit wir uns an diesem Mandat beteiligen können.
 
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)
 
Es ist darauf hingewiesen worden: 248 Schiffe sind in diesem Jahr gekapert worden. Durch Lösegeldzahlungen haben sich hier gewisse Dinge weiter etabliert. Deshalb ist es, glaube ich, notwendig, dass wir hier ein derartiges Mandat beschließen; denn es geht erstens darum, abzu­schrecken, zweitens darum, Angriffe zu verhindern, und drittens aber auch darum, Seeräuberei zu beendigen. Ich glaube, das ist das Ziel, das im Rahmen dieses Mandats vorrangig zu berücksichtigen ist.
 
Ich will aber auch darauf hinweisen, dass wir uns in Europa auch auf eine Reihenfolge, wenn ich das so sa­gen darf, im Hinblick auf die Schutzinteressen der Schiffe verständigt haben. Es geht zunächst um die Schiffe innerhalb des Welternährungsprogramms, dann um die Schiffe mit einem humanitären Auftrag, sodann um die Schiffe aus denjenigen Ländern, die sich an die­ser Mission konkret beteiligen, und dann kommen die sonstigen Schiffe.
 
Bisher sieht es so aus, dass sich Belgien, Frankreich, Griechenland, die Niederlande, Schweden, Großbritan­nien und Spanien an dieser Mission beteiligen, die in dem Seegebiet innerhalb von rund 500 Seemeilen vor der Küste Somalias und der Nachbarländer durchgeführt wird. Ich bin dankbar dafür, dass es klare und konkrete rechtliche Regeln hinsichtlich des Operationsplans und der Einsatzregeln, also der Rules of Engagement, gibt.
 
Kollege Stinner, es ist ein robustes Mandat, in das selbstverständlich die Anwendung von Gewalt mit ein­bezogen ist. Das geht vom Schuss vor den Bug bis hin – so ist dies im Mandat vorgesehen – zur Versenkung von Piratenschiffen. Wir operieren aber immer nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Ich halte es auch für richtig, dass die Marine in diesem Zusammenhang ihre Aufgaben und ihren Auftrag verantwortungsvoll wahr­nehmen kann.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der SPD – Dr. Rainer Stinner [FDP]: Schiffe versenken!)
 
Ich füge hinzu: Für diese Mission Europas sind drei Kriegsschiffe mit Hubschraubern, ein Unterstützungs­schiff und drei Seefernaufklärer vorgesehen, um konkret festzustellen, wo im Operationsgebiet im Einzelnen Handlungsfähigkeit gegeben ist und -notwendigkeiten bestehen. Auch die Möglichkeit, Sicherungskräfte an Bord von Handelsschiffen mitzunehmen, ist in diesem Mandat vorgesehen.
 
Wir wollen uns mit der Fregatte „Karlsruhe“ an die­sem Mandat beteiligen, das unter dem Kommando eines europäischen Befehlshabers steht. An Bord unserer Fre­gatte sind zwei Hubschrauber und entsprechende Mari­neschutzkräfte. Zusätzlich ist hier vorgesehen, dass wir Kräfte für Sicherung, Logistik und Sanität sowie Feldjä­ger in dem Mandat bereitstellen und auch Stabs- und Verbindungspersonal in das Hauptquartier entsenden. Das Hauptquartier der Operation wird in Northwood nahe London sein.
 
Die Mandatsobergrenze soll auf 1 400 Soldaten fest­gelegt werden. Dies heißt nicht, dass jetzt 1 400 Solda­ten mit in den Einsatz gehen, sondern dies heißt, dass wir etwas Flexibilität im Hinblick auf die konkrete Wahrnehmung des Mandats haben. Im Rahmen der Ope­ration Enduring Freedom ist jetzt beispielsweise die Fre­gatte „Mecklenburg-Vorpommern“ im Einsatz, und sie darf dort Nothilfe leisten. Zur aktiven Pirateriebekämp­fung soll es, wenn dies im Operationsgebiet erforderlich ist, auch möglich sein, diese Fregatte in die Operation „Atalanta“ zu überführen, um der Piraterie wirkungsvoll entgegentreten zu können. Deshalb ist es, glaube ich, richtig, dass wir hier eine derartige flexible Mandats­obergrenze vorsehen.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der SPD)
 
Das Mandat soll bis zum 15. Dezember 2009 gewährt werden. Sehr geehrter Herr Kollege Stinner, das muss ich dann doch einmal sagen: Ich habe immer hohen Res-pekt vor Menschen – dies gilt gerade auch für Ihre Partei –, die insbesondere die Verfassungsfragen sehr im Vorder­grund sehen.
 
(Dr. Rainer Stinner [FDP]: Zu Recht!)
 
Was Sie sich hier in diesem Zusammenhang leisten, halte ich aber für völlig falsch; denn was wir hier tun, ist, die Verfassung genau zu beachten.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
 
Ich will Ihnen hier klar und deutlich sagen: Wir haben eine klare verfassungsrechtliche und völkerrechtliche Grundlage. Die völkerrechtliche Grundlage ist die Resolution 1846 der Vereinten Nationen. Die verfas­sungsrechtliche Grundlage ist das System gegenseitiger kollektiver Sicherheit nach Art. 24 Grundgesetz. Des­halb ist eine derartige aktive Pirateriebekämpfung durch die Bundeswehr möglich, die sonst keine verfassungs­rechtliche Grundlage hätte. Deswegen konnten wir das nicht im Rahmen des OEF-Mandats regeln. Aber in dem System gegenseitiger kollektiver Sicherheit mit einem europäischen Mandat und auf der völkerrechtlichen Grundlage der Vereinten Nationen können wir Piraterie wirkungsvoll und aktiv bekämpfen. Diesen Auftrag wer­den wir auch wahrnehmen.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der SPD)
 
Wir haben im Übrigen Rechtsklarheit geschaffen, wenn es darum geht, Personen festzuhalten oder festzu­setzen. Unser Ziel ist, wie gesagt, zunächst einmal Ab­schrecken, Verhindern und Beendigen. Aber wenn es dazu kommt, dass Personen – also Piraten – konkret fest­gesetzt werden, dann wollen wir prüfen, ob es ein deut­sches Interesse gibt. Wenn das der Fall ist, dann wollen wir die betreffenden Piraten der deutschen Gerichtsbar­keit zuführen. Ansonsten wollen wir sie den Nationen zuführen, die ein unmittelbares Interesse daran haben.
 
Wir sind bemüht, zu klären, inwiefern wir gegebenen­falls mit Anrainerstaaten zu Übereinkommen kommen können. Ich erachte es dabei für den besseren Weg, zu einer internationalen Regelung zu kommen, um konkret und verantwortungsvoll handeln zu können. Deshalb ist das Bemühen, innerhalb der Vereinten Nationen, aber auch der Europäischen Union zu einer internationalen Regelung zu kommen, meines Erachtens ein richtiger und wichtiger Ansatz, den wir auch weiterhin unterstüt­zen wollen.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
 
Der Kostenrahmen – auch darauf will ich hinweisen – wird auf rund 45 Millionen Euro geschätzt. Aber ich denke, dass es in unserem Interesse liegt, unseren Auf­trag so zu erfüllen, wie ich es gerade erläutert habe. Des­halb bitte ich Sie um möglichst breite Unterstützung für dieses Mandat, damit wir unseren Beitrag zur Wieder­herstellung der Seesicherheit und zur Gewährleistung ei­nes freien Seehandels leisten können. Wir sind Export­weltmeister. 80 Prozent unseres Handels findet über den Seeweg statt. Das Mandat liegt aber auch im humanitä­ren Interesse. Deshalb bitte ich Sie um Zustimmung zu diesem Mandat.
 
Besten Dank.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Dr. Franz Josef Jung: Für diese Mission Europas sind drei Kriegsschiffe mit Hubschraubern, ein Unterstützungsschiff und drei Seefernaufklärer vorgesehen

Foto: Markus Hammes
Dr. Franz Josef Jung: Für diese Mission Europas sind drei Kriegsschiffe mit Hubschraubern, ein Unterstützungsschiff und drei Seefernaufklärer vorgesehen


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