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04.06.2008
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Roland HetzerKrankenhäusern kommt eine Schlüsselrolle in der Organspende zu
Vortrag von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Roland Hetzer, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin
Auf dem Organspende-Symposium der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hielt Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Roland Hetzer, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin, folgenden Vortrag:
In der ersten Hälfte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts transplantierten wir in Deutschland zwischen 500 und 600 Herzen jährlich. In den letzten Jahren lag diese Zahl bei 350 bis 400. Dies, obwohl zwischendurch 1997 das Transplantationsgesetz verabschiedet wurde und eine flächendeckende Organisation zur Organgewinnung mit etablierten Regeln eingerichtet worden war, die sich aus dem Transplantationsgesetz ableiten.
Dabei gibt es erhebliche regionale Unterschiede hinsichtlich der Anzahl der gewonnenen Organe. Wir sind hier in Berlin in der glücklichen Lage der DSO Region Nordost. Diese setzt sich zusammen aus dem ehemaligen West-Berlin, wo auch vor der Vereinigung die höchste Spendeakquisition im Westen des Landes erreicht wurde, trotz der geringsten Verkehrstotenzahl. Nach der Vereinigung bildete sich zunächst der Transplantationsverbund Berlin-Brandenburg und dann die besagte DSO Region Nordost, mit Hinzukommen von Mecklenburg-Vorpommern. Der Erfolg in West-Berlin wurde zurückgeführt auf das hohe Engagement der Transplantationskoordinatoren, ehemals angesiedelt am Klinikum Steglitz, die ständigen Kontakt zu allen Krankenhäusern in West-Berlin hielten und sich persönlich auch um jeden einzelnen der Spender kümmerten. In den hinzugekommenen Ländern der ehemaligen DDR , d.h. Ostberlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wurden im wesentlichen die personellen Strukturen aus der DDR-Zeit erhalten, welche ebenso gekennzeichnet waren durch eine sehr persönliche und intensive Kontaktpflege zwischen den Koordinatoren und den Krankenhäusern.
Wie wichtig der persönliche Kontakt und das Engagement der Einzelnen ist, zeigt ein Beispiel aus Mecklenburg-Vorpommern, wo im vergangenen Jahr ein aktiver, langjähriger Koordinator abgeworben wurde, was vermutlich zu dem Rückgang der Organspendezahlen in diesem Vorzeigeland beitrug.
Bei der Frage nach den Ursachen für den Rückgang der Organspende spielen sicherlich auch medizinische Gründe eine Rolle, z.B. der zweifellos sehr zu begrüßende Rückgang der jugendlichen Verkehrstoten, aber sicherlich auch organisatorische, vor allem aber Kommunikationsfaktoren.
Ich möchte kurz auf drei Aspekte eingehen:
Zum einen die Rolle der DSO und, zum anderen damit eng verknüpft das Verhalten der Krankenhäuser und schließlich die Information und Überzeugung der Bevölkerung.
Bei der Rolle der DSO beziehe ich mich vor allem auf die regionalen Erfahrungen, die hier im Nordosten gemacht wurden. Die wesentlichste Aufgabe ist die Unterstützung der Krankenhäuser individuell nach deren Bedarf. Dies beginnt mit der qualifizierten Begleitung von Angehörigen und auch bei der Hilfe beim Gespräch mit den Angehörigen bis zur Hilfe durch qualifizierte Intensivpfleger und –ärzte, aber auch Operationsschwestern.
Die Verfügbarkeit einer qualifizierten Hirntotdiagnostik zu jedem Zeitpunkt ist sicherlich von hoher Bedeutung. Dies wurde erreicht durch mobile Neurologenteams in Zusammenarbeit mit der Klinik für Neurologie der Charite unter Herrn Einhäupl, so dass zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort diese wichtige Diagnostik verfügbar wurde.
Wichtig sicherlich auch ist die Übernahme von wichtigen diagnostischen Verfahren wie der Echokardiographie und der Bronchoskopie durch Mitarbeiter der DSO.
Viele Krankenhäuser fühlen sich durch die Organentnahmetätigkeiten in ihrer täglichen Arbeit behindert. Es wurde immerhin erreicht, dass Spender zur Stabilisierung und zur anschließenden Organentnahme auch an Krankenhäusern mit ausreichender Kapazität und erklärter Bereitschaft übernommen wurden, hier vor allem das Deutsche Herzzentrum Berlin und die Chirurgische Klinik am Virchow Krankenhaus unter Herrn Neuhaus.
Ein wichtiger Faktor wurde der kontinuierliche, enge Kontakt zu den Krankenhäusern und den dort mittlerweile etablierten Transplantationsbeauftragen.
Es ist unbestritten, dass den Krankenhäusern selbst eine Schlüsselrolle in der Organspende zukommt. Die Krankenhäuser sind nach dem Transplantationsgesetzt verpflichtet, Hirntote als potentielle Spender zu melden. Dieser Gesetzesinhalt ist von den zuständigen Gesundheitsverwaltungen nur in wenigen Ländern umgesetzt worden, hier wieder vor allem im Lande Mecklenburg-Vorpommern.
Dieses Defizit beginnt schon damit, dass bisher keinerlei Informationen über die Anzahl potentieller Spender, d.h. mit einem Hirnversagen zu Tode gekommener existiert. In der Region Nordost wurden nun erstmals über einen Fragebogen umfassende Informationen gewonnen über die Zahl potenzieller Spender. Die Ergebnisse wurden in einer Arbeit der DSO Mitarbeiter der Region Nordost erstellt und publiziert. In allen Krankenhäusern wurden Transplantationsbeauftragte benannt, die sich um die Aufklärung über Organspende im Krankenhaus und die Registrierung potentieller Organspender kümmern sollten. Diese Transplantationsbeauftragten haben jedoch keinen Vertrag mit der DSO und sind letztenendes nicht unabhängig von der Krankenhausleitung und bleiben bisher ohne nennenswerte Vergütung.
Ein ausreichendes Entgelt für die Beauftragten und Unabhängigkeit in ihrer Tätigkeit sollte zumindest in den großen Krankenhäusern und den Universitätskliniken, wo 80 % der Spender anfallen, erreicht werden.
Entscheidend ist sicherlich die Haltung der Leitenden Ärzte und der Krankenhausverwaltungen. Wie schon erwähnt führen die diagnostischen Maßnahmen, die Feststellung des Hirntods, die Stabilhaltung des Spenders und die anschließende Organentnahme zu einer gewissen Belastung des Klinikbetriebes. Diese Belastung ist nicht ausreichend finanziell kompensiert. In einer Zeit, in der alle Krankenhäuser auch ökonomische Gesichtspunkte berücksichtigen müssen, mag dies ein wichtiger Hinderungsgrund für die Meldung potentieller Spender sein.
Darüber hinaus gibt es noch Beispiele von geradezu archaisch anmutender Einstellung zur Organspende. Ein guter Bekannter von mir, Leiter einer großen Unfallklinik im Westen, hat mir frei heraus gesagt, dass in seiner Klink keine Organspende stattfände, damit käme ja sein Krankenhaus bei der örtlichen Bevölkerung in Verruf.
Damit wird auch die Rolle der Einstellung der Bevölkerung zur Organspende angesprochen. Die Ablehnungsquote in der Region Nordost ist mittlerweile auf 40 – 60 % angestiegen, in dem immer wieder zitierten Spanien mit einer hohen Organverfügbarkeit liegt diese Rate bei 20 %.
Bemühungen um Aufklärung schon in den Schulen, wie sie von der DSO auch hier in der Region angestrebt wurde, sind bisher fehlgeschlagen, dabei wurden Schulmaterial, Filme und Vorträge für den Unterricht in den Schulen angeboten. Gescheitert ist dies an der in den Vordergrund gestellten Überlastung der Lehrer, vielleicht aber auch nur am mangelnden Willen der Schulverwaltungen, solchen Unterricht zu unterstützen.
Der Unterricht in den Schulen würde sicherlich beitragen zu den Gesprächen über Organspende in den Familien und es ist erschreckend zu erkennen, dass 90 % der Angehörigen , wenn sie befragt werden, nichts über die Einstellung des Verstorbenen zur Organspende wissen. Das Ausfüllen und Tragen eines Spenderausweises, wie es seit vielen Jahren propagiert wird, liegt nur bei 12 %; immerhin kann man sagen, es ist angestiegen von 4% in den 90-er Jahren.
Ich möchte nicht verhehlen, dass ich persönlich ein Anhänger der Widerspruchslösung bin. Dies ist sicherlich die menschlichste Variante, allzumal sie die Angehörigen nicht eine zusätzliche Entscheidungslast über die Organentnahme aussetzten. Dabei ist die Variante, wie sie vom Ethikrat vor über einem Jahr vorgeschlagen wurde, aus meiner Sicht die Beste, allzumal sie den Angehörigen immer die Gelegenheit gibt, einer Organspende auch nach dem Tode des Betroffenen zu widersprechen.
Man muss sich fragen, was zu tun ist unter den heutigen gesetzlichen Bedingungen. Zweifellos ist es notwendig, mehr Geld zu investieren, vor allem für qualifiziertes Personal unter erfahrener Leitung. Damit die Aktivitäten, wie wir sie hier in der DSO Region Nordost mit Herrn Dr. Wesslau als geschäftsführenden Arzt erreicht haben, weiter intensiviert werden.
Dazu gehört auch das Abschließen von Verträgen mit den Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern und ausreichende Entgelte für diese wie auch die Kompensation für die Belastungen der Krankenhäuser.
Sicherlich ist von größter Bedeutung noch mehr Information, mehr Unterstützung durch die staatlichen Institutionen, vor allem die Länderregierungen und das ist hier das Entscheidenste : wieder mehr persönliches Engagement der Beteiligten, sowohl der DSO, der transplantierenden Ärzte und schließlich der Patienten, die auf ein Organ warten und der schon transplantierten Patienten, um Beispiele zu geben für die guten Ergebnisse nach der Transplantation.
An dieser Stelle möchte ich das dankenswerte Engagement unserer Bundeskanzlerin betonen, die sich für die Förderung der Organspende einsetzt.
Es sieht so aus, als wenn diese Aktivitäten jetzt vor allem den Selbsthilfegruppe von Transplantierten überlassen werden, wiewohl diese sicherlich die überzeugendste Demonstration der Lebensqualität und damit der Qualität der Transplantation aufzeigen.
Vor fünf Tagen haben wir hier am Deutschen Herzzentrum Berlin eine recht anspruchsvolle Radtour durch Norddeutschland von 40 Transplantierten gestartet, wobei die Bundesministerinnen Frau Zypris und Frau Schmidt persönlich zugegen waren und die sportlichen Transplantierten beglückwünschten und ermunterten. Solche Unternehmungen sind sehr zu begrüßen, sollten jedoch nicht die einzigen bleiben, die die Organspende und damit die Transplantationsmöglichkeit für schwerstkranke Menschen voranbringen.