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17.03.2010

Dr. Angela Merkel

Herkulesaufgabe Haushalt konsolidieren und Wachstum schaffen

Rede in der Generaldebatte zum Bundeshaushalt




I.9) Beratung BeschlEmpf u Ber (8.A)
hier: Einzelplan 04
Bundeskanzlerin und Bundeskanzleramt
- Drs 17/604, 17/623 -


Herr Präsident!
Meine Damen und Herren!
 
Herr Steinmeier, vorweg eine Bemerkung: Die Opposition und speziell die SPD könnte dem gesellschaftlichen Klima im Lande einen guten Dienst erweisen – vielleicht könnten Sie ganz persönlich dafür sorgen –, wenn unse­rem Staatsoberhaupt, dem Bundespräsidenten, der not­wendige Respekt entgegengebracht wird. Das fordern wir.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Wir beraten heute den Haushalt, der die größte Neu­verschuldung des Bundes in der 60-jährigen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aufweist. 80,2 Milliar­den Euro Schulden bei einem Gesamtumfang des Bun­deshaushaltes von knapp 320 Milliarden Euro,
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Plus Ihre Schattenhaushalte! 130 Mil­liarden!)
 
das bedeutet 25 Prozent Schulden, das bedeutet, jeder vierte Euro, den wir in diesem Jahr ausgeben, ist nicht durch die Einnahmen gedeckt.
 
(Zuruf von der SPD: Ihr macht noch mehr Schulden!)
 
Diese 80 Milliarden Euro Schulden sind genau das Dop­pelte der bisher höchsten Neuverschuldung des Bundes aus dem Jahre 1996 infolge der deutschen Einheit. Da­mals waren es 40 Milliarden Euro. 80 Milliarden Euro Schulden, das bedeutet 1 000 Euro pro Einwohner der Bundesrepublik Deutschland; hinzu kommen 460 Euro Zinsen. Das heißt, 11,5 Prozent des Bundeshaushaltes, ungefähr jeder zehnte Euro, muss bereits für Zinszahlun­gen aufgebracht werden.
 
Ich sage ganz deutlich – genauso wie der Finanz­minister gestern –: Mit Recht machen sich die Menschen Gedanken über die Verschuldung. Mit Recht fragen sie uns alle, wenn wir in unseren Wahlkreisen sind: Was wird daraus? Wie werdet ihr das lösen?
 
(Christoph Strässer [SPD]: Ja, wie? – Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Das fragen wir uns auch!)
 
Ich glaube, das eint uns in diesem Hause. Was uns nicht eint und worüber wir ja heute sprechen
 
(Zurufe von der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
 
– bleiben Sie doch ganz ruhig und gelassen –, sind die Fragen: Was tun wir, und wie tun wir es?
 
(Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Genau! Erklären Sie das mal!)
 
Die Bundesregierung hat sich dennoch dazu entschlos­sen. Ich möchte mich bei den Abgeordneten der Koali­tionsfraktionen ganz besonders bedanken, dass sie das mitgetragen haben, sodass wir heute in den Grundzügen den Haushalt so verabschieden, wie ihn die Regierung vorgelegt hat.
 
Ich sage im Übrigen an die SPD: Dieser Haushalt wird gegenüber dem Haushalt, den wir damals in der Großen Koalition beraten haben, drei Monate früher be­raten. Das zeigt, wie handlungsfähig diese Regierung und diese christlich-liberale Koalition in einer schwieri­gen Situation sind.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Rekordverschuldung Handlungsfähig­keit zu nennen, ist schon frech!)
 
Wenn wir uns die Struktur dieses Haushaltes an­schauen – auch da will ich gar nicht drum herumreden –, dann sehen wir, dass dieser Haushalt über 9 Prozent grö­ßer ist, als es in normalen Zeiten der Fall wäre. Etwa 54 Prozent dieses Haushaltes sind Sozialausgaben. Er­innern wir uns: 1980 wurden 16 Prozent des Bundes­haushaltes für Soziales ausgegeben, 1991 20 Prozent, im Jahre 2000 33 Prozent. In diesem Jahr sind es 54 Pro­zent. Das beinhaltet etwa 80 Milliarden Euro für Rente, 40 Milliarden Euro für das Arbeitslosengeld II und – wir haben etwas ganz Besonderes gemacht; das weist schon darauf hin, warum wir einen solchen Haushalt verab­schieden – auch immense Zuschüsse an die Bundesagen­tur für Arbeit und an den Gesundheitsfonds; diese führen uns genau dazu, warum wir einen solchen Haushalt ver­abschieden.
 
Wir verabschieden einen solchen Haushalt nur aus ei­ner einzigen Tatsache heraus: In diesem Jahr müssen wir weiter eine Krise bekämpfen, die uns im vergangenen Jahr einen Wirtschaftseinbruch von 5 Prozent gebracht hat. Das sind 88 Milliarden Euro weniger Produktion in Deutschland, weniger Bruttoinlandsprodukt. Einen sol­chen Einbruch haben wir noch nie gesehen. Wir wollen Fehler aus der Geschichte nicht wiederholen und ver­nünftig darauf antworten, sodass Wachstum wieder in Gang kommen kann. Das ist die tiefere Ursache dieses Haushaltes. Dazu stehen wir aus voller Überzeugung, weil es für die Menschen in diesem Lande richtig ist.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Das glauben Sie doch selber nicht!)
 
Keiner von uns hat Erfahrungen mit einem solch dra­matischen Wirtschaftseinbruch. Die Krise hat vor 18 Mo­naten mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers begonnen. Wir können heute sagen, dass wir in diesen 18 Monaten Wichtiges geschafft haben. Wir haben die Banken und den Finanzsektor stabilisieren können. Mit den 400 Milliarden Euro Garantien und den 80 Milliar­den Euro Rekapitalisierung ist das gelungen. Heute haben wir noch etwa 145 Milliarden Euro Liquiditäts­garantien – bei den Garantien gab es übrigens keine Aus­fälle –, und wir haben 28 Milliarden Euro Eigenkapital­hilfen.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Und 32 Milliarden Euro Schulden aus der Rettung, die Sie nicht erwähnen!)
 
Das wird sich noch lange in die Zukunft ziehen, so lange, bis wir absehen können, was für einen Verlust das für den Steuerzahler bedeutet. Die Hilfen sind gut ange­nommen worden, und sie sind weltweit koordiniert ge­geben worden. Das hat zu einer Stabilisierung geführt.
 
Mindestens genauso wichtig: Der Einbruch der Real­wirtschaft ist durch das, was wir machen, in seinen Auswirkungen gedämpft worden, nämlich durch das 100-Milliarden-Euro-Konjunkturpaket für 2009 und 2010 und ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz, das seinen Namen zu Recht hat,
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – La­chen bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Schuldenbeschleunigungsgesetz!)
 
mit 8,5 Milliarden Euro Entlastung für Familien und vie­les andere.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Außer Schulden nichts verschuldet!)
 
Die Steuersenkungen haben wir zum Teil gemein­sam und zum Teil nach kontroversen Diskussionen be­schlossen. Wir haben für eine Entlastung von über 20 Milliarden Euro gesorgt. Wir wissen aus den Erfah­rungen: 90 Prozent davon gehen in den Konsum der Menschen, und das ist genau der Beitrag, den wir leisten, um die Binnenwirtschaft nicht einbrechen zu lassen.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Wir machen das, was uns die Ökonomen sagen: Wir lassen die automatischen Stabilisatoren wirken – das heißt auf gut Deutsch, die Lohnzusatzkosten steigen nicht an –, und wir haben die Darlehen sowohl für das Gesundheitssystem als auch für die Bundesagentur in Zuschüsse umgewandelt, was uns ein besseres Funda­ment im Hinblick auf die weitere Beitragsentwicklung gibt. Wir haben, damals noch gemeinsam, auch die Ren­tengarantie beschlossen, eine wichtige Maßnahme, wie sich jetzt herausstellt. Denn zum ersten Mal in der Ge­schichte der Bundesrepublik Deutschland sind die Brut­tolöhne im letzten Jahr gesunken.
 
(Dr. Dietmar Bartsch [DIE LINKE]: Woran das wohl liegt?)
 
Hier möchte ich an das anknüpfen, was neben all den Maßnahmen, die wir ergriffen haben, in den letzten 18 Monaten vielleicht das Allerwichtigste war: dass die Menschen gezeigt haben, was in diesem Lande steckt, dass Unternehmer genauso wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Verantwortung gezeigt, die Maßnahmen der Regierung angenommen und selbst Lohnzurückhal­tung geübt haben. Es war gut, dass wir für eine Flexibili­sierung des Arbeitsmarktes mit Arbeitszeitkonten und vielem anderen gesorgt haben; von all diesen Instrumen­ten wurde Gebrauch gemacht. Wir haben deshalb die Kurzarbeit aus voller Überzeugung bis 2011 verlängert. Wir sagen: Wir müssen in dieser Situation zusammenste­hen. Das zeigen die moderaten Tarifabschlüsse, das zei­gen unsere Maßnahmen, und so werden wir auch weiter durch diese Krise gehen.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Das hat Wirkung gezeigt. Wenn wir uns einmal an­schauen, wie sich die Arbeitslosigkeit im europäischen Vergleich entwickelt hat, so sehen wir, dass die Arbeits­losigkeit bei uns im Jahre 2009 gegenüber 2008 um 4,4 Prozent gestiegen ist, im EU-Durchschnitt allerdings um 36 Prozent. In Frankreich zum Beispiel ist sie um 30 Prozent gestiegen, in den Vereinigten Staaten von Amerika um 70 Prozent.
 
Das vielleicht Schönste ist, dass die Jugendarbeitslo­sigkeit bei uns um 11 Prozent gesunken ist, während sie im Mittel der Europäischen Union um 28 Prozent gestie­gen ist, in Spanien zum Beispiel um 86 Prozent. Das ist nichts, worauf man sich ausruhen kann. Aber das ist schon etwas, worauf man auch ein Stück stolz sein kann, und zwar wir alle gemeinsam.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Wir haben wieder leichte Wachstumsraten. Der Bin­nenkonsum ist im letzten Jahr nicht eingebrochen: plus 0,2 Prozent.
 
(Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Auf das vergangene Jahr sind wir auch stolz!)
 
In diesem Jahr sehen wir einen leichten Einbruch. War­ten wir aber erst einmal ab. Den Prognosen kann man ja auch nicht so richtig trauen. Wir konnten bislang Insol­venzen vermeiden. Es wird nicht einfach; aber es ist richtig, diesen Kurs weiter zu verfolgen.
 
In den nächsten Jahren kommt eine riesige Aufgabe auf uns zu, eine Herkulesaufgabe. Wir müssen eigentlich Unvereinbares zusammenbringen: den Haushalt konsoli­dieren, aber zugleich Wachstum schaffen, und das Ganze in dem Umfeld einer Gesellschaft, deren Altersaufbau sich dramatisch verändert.
 
Wir brauchen neues Denken, um diese großen He­rausforderungen bewältigen zu können.
 
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-SES 90/DIE GRÜNEN – Claudia Roth [Augs­burg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Eine geistig-moralische Wende, neues Denken, ja!)
 
Dazu ist die christlich-liberale Koalition bereit.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Als Erstes brauchen wir eine kluge Exitstrategie aus den Konjunkturprogrammen, die wir aufgelegt haben. Wir müssen in den nächsten Jahren – auch wegen der Schul­denbremse, die Deutschland als weltweit einziges Land eingeführt hat, mitten in der Krise – auf Konsolidie­rungskurs gehen.
 
(Bettina Hagedorn [SPD]: Davon merken wir nichts! – Thomas Oppermann [SPD]: Mit dem Liberalen Sparbuch!)
 
Wir haben schwierige Sparmaßnahmen vor uns. Ein strukturelles Defizit von etwa 67 Milliarden Euro wird in den Jahren 2011 bis 2015 abzubauen sein, damit die Neuverschuldung im Bundeshaushalt ab 2016 bei höchs­tens 10 Milliarden Euro liegt. Das heißt, wir müssen pro Jahr ein Defizit von 10 Milliarden Euro abbauen.
 
(Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Erläutern Sie einmal in Ihrem Wahlkreis, wie Sie das ma­chen wollen!)
 
Das Kabinett wird sich dieser Aufgabe stellen, und ich sage dem Bundesfinanzminister Unterstützung zu. Wir wissen, was das bedeutet. Die Erstanmeldungen für den Haushalt 2011 sind noch nicht so, dass wir sagen könn­ten: Wir haben es schon geschafft, die 10 Milliarden Euro einzusparen. Die Bundesregierung verpflichtet sich hier aber gegenüber dem Parlament, ihren Beitrag zu leisten.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Bei der Analyse dürften wir uns einig sein, darüber brauchen wir nicht mehr zu streiten. Jetzt kommen wir zu der Frage: Wie schaffen wir das? Neben einer klugen Exitstrategie brauchen wir eine kluge Wachstumsstrate­gie. Die Erfahrungen der Jahre 2005 bis 2009 zeigen doch: Die beste Wachstumsstrategie ist, möglichst viele Arbeitsplätze zu schaffen. Wann immer wir mehr Ar­beit haben, wann immer die Zahl der Arbeitslosen um 100 000 sinkt, werden die Sozialsysteme und der Bun­deshaushalt um 2 Milliarden Euro entlastet. Deshalb gilt es, Arbeit zu schaffen und möglichst viel Beschäftigung hinzubekommen. Nicht nur entlastet das den Bundes­haushalt, sondern Arbeit ermöglicht den Menschen auch Teilhabe und gesellschaftliches Mitbestimmen und ist le­benserfüllend.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
 
Das bedeutet, in Deutschland möglichst viel qualifizierte Arbeit bereitzustellen, um aus der Arbeitslosigkeit he­rauszukommen.
 
Schauen wir uns die heutige Situation einmal an: 5 Millionen Menschen beziehen Arbeitslosengeld II. Das kostet den Bundeshaushalt, wie gesagt, 40 Milliar­den Euro. Durch die Kosten für die Unterkunft entsteht den Kommunen eine Belastung von 11 Milliarden Euro. Wenn wir es schaffen, dass mehr und mehr Menschen aus dieser Situation herauskommen, dann haben wir et­was erreicht.
 
(Bettina Hagedorn [SPD]: Das schaffen Sie nicht mit Ihrer Politik! – Roland Claus [DIE LINKE]: Warum tun Sie dann nichts?)
 
– Schauen wir uns einmal an, was Sie vorschlagen: Die sozialdemokratische Fraktion und der ehemalige Kanz­leramtsminister Steinmeier sind, muss man sagen, in ei­nem wundersamen Wandel begriffen.
 
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Das stimmt!)
 
Es waren einmal 5 Millionen Arbeitslose. Sie haben Re­formen durchgeführt; wir haben diese Reformen im Bun­desrat unterstützt. Diese Reformen haben, zusammen mit anderen Reformen, dazu geführt, dass die Zahl der Arbeitslosen in den Jahren darauf unter 3 Millionen ge­fallen ist.
 
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Mehr Armut! Mehr befristete Beschäftigung! Mehr Leiharbeit!)
 
Sie haben sich nie überlegt, warum das so gekommen ist. Ihre Wahrnehmung war immer geteilt:
 
(Zuruf von der SPD: Was?)
 
Sie waren zwar froh, dass die Zahl der Arbeitslosen sank; aber Sie haben Ihren Leuten nie erklärt, wie das kommen konnte.
 
(Thomas Oppermann [SPD]: Durch Ihren Bei­trag ganz bestimmt nicht! – Dr. Frank-Walter Steinmeier [SPD]: Wenn wir lange überlegt hätten, wäre das nicht zustande gekommen!)
 
Die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosen­hilfe ist eine Härte, ja. Aber gleichzeitig hat diese Maß­nahme natürlich Möglichkeiten geschaffen, dass viele Menschen wieder eine Arbeit aufgenommen haben.
 
(Zuruf von der SPD: Das war doch unsere Idee!)
 
Weil Sie das alles niemals Ihren eigenen Leuten er­klärt haben, müssen Sie jetzt die Rolle rückwärts machen und wollen allen Ernstes behaupten: Wer Ar­beitslosengeld II bekommen will, braucht keine Vermö­gensprüfung mehr zu durchlaufen. Ich glaube, da sind Sie auf einem falschen Trip. Ich zumindest bin davon überzeugt, dass das falsch ist.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Dr. Frank-Walter Steinmeier [SPD]: Sie haben es doch durchlöchert!)
 
– Da nützt auch das Schreien nichts.
 
Der nächste Punkt wird sein, dass Sie die Rente mit 67 rückgängig machen müssen, weil aufgrund Ihrer fal­schen Konzepte die Möglichkeiten zur Vermittlung von älteren Arbeitnehmern schlechter werden.
 
(Thomas Oppermann [SPD]: Wir regieren schon?)
 
– Ich habe Sie nicht gebeten, ein Konzept vorzulegen. Sie hätten ja bei dem bleiben können, was Sie immer ge­sagt haben.
 
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Jetzt sage ich Ihnen, was wir wollen. Von den heute 5 Millionen Arbeitslosengeld-II-Empfängern sind unge­fähr 1,4 Millionen zusätzlich zu den Leistungen aus Hartz IV erwerbstätig. Von diesen 1,4 Millionen Men­schen befindet sich die übergroße Mehrzahl in Beschäf­tigungsverhältnissen unter oder bis 200 Euro. Die Zahl derer, die darüber hinaus dazuverdienen, wird immer ge­ringer. Das heißt doch nichts anderes, als dass es eine Barriere beim Hinzuverdienst gibt.
 
(Zuruf von der SPD: Wir sind doch nicht in der Schule!)
 
Am Anfang ist die Abzugsrate gleich null; man kann hinzuverdienen. Über diesen Betrag von 200 Euro hi­naus ist die Abzugsrate so hoch, dass es bei Verdiensten über 150 Euro praktisch überhaupt keinen Unterschied mehr macht,
 
(Thomas Oppermann [SPD]: Sind Sie sicher, dass Ihnen Ihre Leute folgen können?)
 
insbesondere bei Familien mit mehreren Kindern, ob sie etwas verdienen oder ob sie nichts verdienen und Hartz IV bekommen.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Thomas Oppermann [SPD]: Sie haben Ihre Leute nicht überzeugt!)
 
Deshalb haben wir gesagt: Wir müssen die Hinzuver­dienstgrenzen verändern, und zwar so, dass sie einen Anreiz bieten, in Arbeit zu kommen. Wir sind der Mei­nung: Diejenigen, die sowohl Arbeitslosengeld II bezie­hen als auch etwas hinzuverdienen, sind auf einem bes­seren Weg, eine Arbeit zu finden, als die, die gar nichts hinzuverdienen. Das ist unser Ansatz.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Dr. Frank-Walter Steinmeier [SPD]: Sie ver­stehen es nicht!)
 
Man kann den Unterschied ganz klar benennen. Wir wollen den Menschen helfen. Dafür sind die Eingliede­rungstitel und viele andere Instrumente in der Bundes­agentur geschaffen worden.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Die Sie sperren!)
 
– Sie sagen wenigstens „sperren“.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: 900 Millionen!)
 
Manch einer sagt einfach nur „kürzen“.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Sperre plus Zeit ist Kürzung!)
 
Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales wird ein Programm vorlegen. Dann werden die Mittel entsperrt und stehen zur Verfügung. Das ist überhaupt kein Pro­blem. Wir müssen dafür sorgen, dass mit dem Geld, das wir für die ausgeben, die Arbeitslosengeld II beziehen, und sie in Beschäftigung bringen soll, wirkliche Folge­beschäftigung entsteht, anstatt einen öffentlichen Ar­beitsmarkt zu manifestieren und zu zementieren, der uns am Schluss nur etwas kostet und nichts bringt. Es ist der Mühe wert, dass man das versucht.
 
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Ich spreche darüber so ausführlich, weil sich genau hier unterschiedliches Denken im Hause manifestiert.
 
(Dr. Frank-Walter Steinmeier [SPD]: Das stimmt! – Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Dum­pinglohn! – Joachim Poß [SPD]: Miss Dum­pinglohn!)
 
Wenn wir die Struktur dieses Bundeshaushaltes mittel­fristig ändern, wird das dazu führen, dass wir die Ren­tenzuschüsse und die Gesundheitskosten, die wir als Steuermittel im Wesentlichen für die Kinder in das Ge­sundheitssystem gegeben haben, nicht kürzen.
 
(Thomas Oppermann [SPD]: In die Kopf­pauschale! Nicht für die Kinder!)
 
Dann werden wir sehen, dass mehr Menschen in Arbeit kommen und von diesem Block der 40 Milliarden Euro weniger ausgegeben werden muss, weil diese Menschen wieder Arbeit haben.
 
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
 
Auf diesem Feld können wir etwas tun. Im Übrigen freuen sich darüber auch die Kommunen; denn sie ge­ben 11 Milliarden Euro für die Kosten der Unterkunft aus. Jeder Euro, den sie nicht ausgeben, ist für sie eine massive Entlastung.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Joachim Poß [SPD]: Das war die Erklärung von Miss Dumpinglohn!)
 
Wenn Menschen arbeiten, dann geht es darum, dass sich Leistung lohnt.
 
Deshalb ist unser Ansatz, bei dem sogenannten Mittel­standsbauch, also bei der stärksten Steigerung der Pro­gression, und bei der kalten Progression im steuerlichen Bereich für eine Entlastung zu sorgen. Es wird einfacher, niedriger und vor allen Dingen gerechter, damit sich Leistung in diesem Lande lohnt.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Joachim Poß [SPD]: Sie haben noch gar nicht gesagt, was Sie wollen! Wann kommt denn da was?)
 
Es geht natürlich um qualifizierte Arbeitsplätze. Des­halb haben wir in der Koalition – das spiegelt sich ja im Haushalt wider – einen Schwerpunkt bei Forschung und Bildung gesetzt, weil das die Zukunft ist. Deshalb sagen wir: Wir werden die Elektromobilität fördern. Am 3. Mai 2010 wird der Kongress mit allen Akteuren statt­finden, damit wir eine Chance für den Technologiestand­ort Deutschland entwickeln.
 
(Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Ein Kongress! – Thomas Oppermann [SPD]: Ein Kongress! Ein Zwischengipfel! Ein Arbeitskreis! – Joachim Poß [SPD]: Nur Kommissionen, kein Regieren!)
 
Deshalb werden wir auch ein neues Energiekonzept entwickeln.
 
(Joachim Poß [SPD]: „Wir kündigen an“!)
 
Wir sind in dieser Frage einer Meinung darin, dass es da­rum geht, ein Zeitalter der regenerativen Energien zu erreichen. Eigentlich müssten wir aber auch einer Meinung darüber sein, dass wir den Industriestandort Deutschland erhalten wollen, und das heißt immer Dreier-lei: Energie muss bezahlbar sein, Energie muss sicher sein, und Energie muss umweltverträglich sein. Das wer­den wir zusammenbringen.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Deshalb sagen wir: Die Kernenergie ist eine Brücken­technologie, aber die Länge der Brücke richtet sich da­nach, dass wir diese drei Dinge miteinander verbinden können.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
 
Herr Steinmeier, ich bin schon ein bisschen erstaunt. Die deutschen Stromversorgungsnetze haben sich nun 60 Jahre lang in privater Hand befunden. Jetzt ist es so, dass das Eigentum auch aufgrund von Anordnungen der Europäischen Union von Vattenfall, einem Unterneh­men, das schwedischer Natur ist, hin zu einem belgi­schen Unternehmen wandert, das schon eine Vielzahl von Stromnetzen betreibt und von dem nichts Ehrenrüh­riges bekannt ist. Das ist genauso wie bei anderen, die ihr Elektronetz an ein niederländisches Staatsunterneh­men verkauft haben. Sind wir nun in einem europäischen Binnenmarkt, oder sind wir es nicht? Polemisieren wir gegen belgische Firmen, nur weil sie keine deutschen sind, oder machen wir das nicht?
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Thomas Oppermann [SPD]: Darum geht es doch nicht!)
 
Von der Idee einer Reverstaatlichung des deutschen Stromnetzes halte ich ehrlich gesagt gar nichts. Wir müs­sen natürlich vernünftige Ausbaubedingungen erreichen.
 
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
 
Dafür müssen wir vernünftige Investitionsbedingungen schaffen und dafür sorgen, dass man eine Hochspan­nungsleitung bauen kann, ohne dass das Genehmigen zehn Jahre dauert und ohne dass die Erdkabel so viel Geld verschlingen, dass man überhaupt nicht mehr zu Potte kommt.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Das sind die wichtigen Aufgaben, aber das hängt nun wirklich nicht davon ab, ob das Unternehmen schwe­disch oder belgisch ist, sondern das hängt von ganz an­deren Dingen ab.
 
Wir werden die Gesundheitsforschung weiter nach vorne bringen. Wir haben bereits ein Zentrum für De­menzkranke in Bonn gegründet. Eine wissenschaftliche Bündelung aller – –
 
(Lachen bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)
 
– Ich weiß nicht, ob Herr Müntefering da ist. Er hatte wenigstens, als wir noch gemeinsam regiert haben, so viel Vernunft, zu sagen, dass wir Leuchttürme brauchen.
 
(Joachim Poß [SPD]: Wir haben doch gar nichts gesagt jetzt!)
 
– Nein, nein, Sie müssen einfach einmal in die Reihe hinter sich schauen. Es sind nicht alle so vernünftig wie Sie, Herr Poß.
 
(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Ich verstehe Sie ja. Das ist ein Zentrum in Bonn und des­halb in Nordrhein-Westfalen. – Wir brauchen also Leuchttürme, mit denen den Menschen gezeigt wird, wofür Forschung und Entwicklung gut sind, und bei ei­ner alternden Gesellschaft ist es allemal gut, wenn Deutschland im Gesundheitsbereich eine Spitzenposi­tion auf der Welt hat. Wir haben auch das Zeug dazu, und die Bundesregierung fördert das.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Natürlich ist es wichtig, dass unsere Unternehmen mit Krediten versorgt werden – insbesondere der Mittel­stand. Deshalb gibt es die Kreditversorgung über den Wirtschaftsfonds, und deshalb haben wir auch – der Bundeswirtschaftsminister hat das getan – einen Kredit­mediator eingesetzt, der seine Arbeit aufgenommen hat.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Ein schönes Pöstchen!)
 
– Sie wissen, dass bei solchen Dingen gilt: Wenn Sie sie gemacht hätten, dann fänden Sie es ganz toll, weil wir sie machen, finden Sie es einfach nicht toll. Der Kredit­mediator wird seine Arbeit machen, der Mittelstand wird es ihm danken.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Der Steuerzahler auch, der es finanzie­ren soll!)
 
Wir sprechen wieder darüber, wenn sich die Sache gut entwickelt hat.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Thomas Oppermann [SPD]: Klingt nicht sehr überzeugend!)
 
Ich sage Ihnen auch: Wir werden eine Politik fördern, mit der die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gestärkt wird. Ich glaube nicht, dass wir in der Europäischen Union, wenn wir über eine Wirtschaftsregierung reden, was ich für richtig halte, die Diskussion so führen soll­ten, dass man sich danach richtet, wer am langsamsten ist, sondern beim Benchmarking muss geschaut werden, wer am schnellsten und am besten ist.
 
Ich sage auch ganz deutlich, wo Deutschland Schwä­chen hat. Wir haben von der OECD eine hohe Abgaben­last im Niedriglohnbereich attestiert bekommen. Da ha­ben wir Schwächen. Darüber müssen wir nachdenken. Aber wir werden unsere Stärken nicht aufgeben, weil von unseren Exportgütern mehr gekauft wird als von de­nen anderer Länder. Das wäre die falsche europäische Antwort auf die Wettbewerbsfähigkeit unseres Konti­nents.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Lieber handeln statt diskutieren!)
 
Sicherlich ist die schwierigste Herausforderung, vor der wir stehen, die Veränderung des Altersaufbaus. Am Ende des Jahrzehnts, das jetzt begonnen hat, wird es 3 Millionen mehr ältere Beschäftigte geben. Die Zahl der Beschäftigten im Verhältnis zu Rentnern und Kin­dern wird sich dramatisch verändern, und zwar von heute 65 Rentnern und Kindern im Verhältnis zu 100 Be-schäftigten auf 84 Rentner und Kinder im Verhältnis zu 100 Beschäftigten. Das alles muss erarbeitet werden. Außerdem wird die Zahl der Schulabgänger sinken. Des­halb ist es so wichtig, dass das Thema des Zusammen­halts unserer Gesellschaft ganz oben auf der Tagesord­nung steht.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Das macht ja den Schuldenberg so ge­fährlich!)
 
Ich habe mir im Allensbacher Jahrbuch angesehen, was die Menschen auf die Frage, was sie unter einer gerechten Gesellschaft verstehen – wir sind uns, glaube ich, einig, dass Gerechtigkeit die Voraussetzung für den Zusammenhalt ist – und ob es ihrer Meinung nach in der Wirtschaft gerecht zugeht, antworten. In den letzten Jah­ren ist eine erschütternde Entwicklung zu erkennen. In den neuen Bundesländern war es leider immer so, dass eine übergroße Mehrheit gesagt hat: In der Wirtschaft geht es nicht gerecht zu.
 
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Das ist Erfahrung!)
 
Das hat sich in 20 Jahren eigentlich nicht geändert. In den alten Bundesländern gab es über viele Jahrzehnte ein Auf und Ab. Es herrschte aber immer ein ungefährer Gleichstand zwischen „gerecht“ und „nicht gerecht“.
 
Seit den Jahren 2004 bzw. 2005 und ganz besonders seit der Finanzkrise hat sich der Abstand zwischen den­jenigen, die sagen, dass es in der Wirtschaft gerecht zu­geht, und denjenigen, die sagen, es gehe ungerecht zu, auf 58 Prozent vergrößert. Wenn die Akzeptanz der so­zialen Marktwirtschaft erhalten werden soll, dann muss diese Lücke wieder geschlossen werden, sowohl in Ost­deutschland als auch in Westdeutschland. Das ist meine feste Überzeugung.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Wenn man die Menschen fragt, was sie für gerecht hal­ten, dann sagen sie als Erstes – und zwar mit weitem Ab­stand; es sind insgesamt 83 Prozent –: gleiche Chancen für gute Schulbildung. Die Bildung ist das Thema, das die Menschen am meisten berührt. Als Zweites, auch das ist interessant, sagen sie – zu etwas über 60 Prozent –:
 
(Joachim Poß [SPD]: Da ist Lohndumping die richtige Frage!)
 
dass der Staat für ein Existenzminimum sorgt und nie­mand in Not gerät. Ungefähr genauso viele Menschen sind der Meinung, dass Leistung sich lohnen muss. Das heißt: Wer mehr leistet, muss auch mehr davon haben. Das sind die zwei Seiten der Medaille.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Mit diesen drei Prioritäten – Arbeitsmarkt, Grund­sicherung und Bildung – reagiert die christlich-liberale Koalition also ganz gezielt auf die Wünsche der Men­schen. Daran werden wir weiter arbeiten. Das ist es, was uns interessiert.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Joachim Poß [SPD]: Lohndumper!)
 
Wir werden natürlich auch das Bundesverfassungs­gerichtsurteil zu den Hartz-IV-Sätzen umsetzen. Da­rüber möchte ich heute aber nicht weiter sprechen.
 
(Widerspruch bei der LINKEN)
 
Das ist einfach nicht möglich, weil die Statistiken noch nicht ausgewertet sind. Ich möchte wiederholen, was die Bundesministerin gesagt hat: Klar ist schon heute, dass wir für die Bildung der Kinder mehr Geld ausgeben wer­den. Wir werden es aber so tun, dass es bei den Kindern ankommt. Sachleistungen sind also nicht ausgeschlos­sen. Denn wir wollen, dass das Geld den Kindern zugu­tekommt. Genau darauf werden wir hinarbeiten.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Um das 7-Prozent-Ziel für die Bildung zu erreichen, haben wir den Ländern bereits in Aussicht gestellt, dass wir seitens des Bundes bis 2015 die Lücke von mindes­tens 13 Milliarden Euro mit einer Quote von 40 Prozent füllen werden; normalerweise geben wir 10 Prozent da­für aus. Wir sagen aber: Es ist ein so wichtiges gesamt­gesellschaftliches Anliegen, dass der Bund bereit ist, sich an dieser Stelle mehr zu engagieren und die Bil­dungspolitik im ganzen Land dadurch zu verbessern.
 
(Zuruf von der SPD: Wie denn konkret?)
 
Wir werden den Nationalen Integrationsplan weiter­entwickeln. Wir haben bereits gezeigt, dass wir für die Familien etwas tun. Der Ausbau der Kleinkinderbetreu­ung wird weitergehen. Das Kindergeld und die Kinder­freibeträge sind erhöht worden. Deshalb ist das eine ver­nünftige Sache.
 
Außerdem werden wir auch über die Vorschläge der Bundesfamilienministerin zu reden haben, was Pflegezeit anbelangt. Denn das Thema Pflege wird uns in der nächs­ten Zeit in besonderer Weise beschäftigen. Es ist etwas, was die Menschen zutiefst bewegt. Ich sage Ihnen – ich habe darüber auch mit den Arbeitgebern gesprochen –: Wir sollten hier wirklich neues Denken anwenden. Es wird in Zukunft schwierig sein, qualifizierte Arbeitskräfte zu bekommen. Das wird sich über die nächsten Jahre in ganz anderer Weise entwickeln. Die Bereitschaft der Un­ternehmen, freiwillig etwas zu tun, wird an vielen Stellen wachsen, weil man Beruf und Familien viel besser ver­binden muss.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
 
Lassen Sie mich an dieser Stelle noch etwas zu den schrecklichen Fällen von sexuellem Missbrauch sagen, von denen wir jeden Tag hören und von denen wir erfah­ren. Ich glaube, wir sind uns alle einig: Sexueller Miss­brauch an Kindern und an Schutzbefohlenen ist ein ver­abscheuungswürdiges Verbrechen. Es gibt nur eine Möglichkeit, dass unsere Gesellschaft mit diesen Fällen klarkommt: Das ist Wahrheit und Klarheit über alles, was passiert ist.
 
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
 
Ich glaube, jedem ist bewusst, dass das Leben der Menschen, die so etwas erlebt haben, anders verläuft, als wenn sie das in jungen Jahren nicht erlebt hätten. Das begleitet sie ein ganzes Leben. Völlige Wiedergutma­chung wird und kann es nicht geben. Es hat keinen Sinn, es auf eine Gruppe zu beschränken, auch wenn uns die ersten Fälle sozusagen aus dem katholischen Bereich zu Ohren gekommen sind. Es ist etwas, das sich in vielen Bereichen der Gesellschaft ereignet hat, und es ist vor al­len Dingen auch etwas, das sich heute teilweise in ande­rer Form, aber mit gleichen Folgen weiter ereignet.
 
Deshalb bin ich froh, dass die drei Ministerinnen Frau Leutheusser-Schnarrenberger, Kristina Schröder und Annette Schavan gemeinsam ein Gesprächsforum mit den Betroffenen bilden, mit denjenigen, von denen diese Fälle bekannt werden, und dass man sowohl in die Ver­gangenheit als auch in die Zukunft blickt.
 
Aber lassen Sie uns die Sache nicht zu einfach ma­chen. Man muss über Verjährung sprechen. Man kann über Entschädigung sprechen.
 
(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Man kann über Entschuldigung spre­chen! Mit dem Papst zum Beispiel!)
 
Aber insgesamt kommt es darauf an – das ist eine Be­währungsprobe für unsere ganze Gesellschaft –, dass Menschen, die so etwas erfahren haben, sich in dieser Gesellschaft wieder anerkannt und aufgehoben fühlen und wenigstens das Stück Wiedergutmachung bekom­men, was man im Nachhinein noch schaffen kann.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
 
Meine Damen und Herren, wenn wir über die Verän­derung des Altersaufbaus unserer Gesellschaft sprechen, dann sind die sozialen Sicherungssysteme sicherlich der Punkt, an dem die größte politische Arbeit zu leisten ist. Mit der Rente haben wir Zukunftsvorsorge getroffen. Da wird die politische Kraft darin bestehen, alle Faktoren, die die demografische Veränderung widerspiegeln, auch in den nächsten Jahren umzusetzen. Es ist nicht einfach, wenn die Rentnerinnen und Rentner in diesem Jahr eine Nullrunde haben.
 
(Zuruf von der LINKEN: Wohl wahr!)
 
Das trifft die Menschen zwar nicht einfach so – eigent­lich wäre es weniger gewesen –, aber trotzdem ist auch eine Nullrunde nicht einfach. Umso zufriedener bin ich, dass auch die Tarifabschlüsse moderat waren, weil wir daran sehen, dass es insgesamt eine schwierige Zeit ist.
 
(Joachim Poß [SPD]: Das ist aber eine krause Logik!)
 
Ich sage Ihnen auch ganz klar: Wir werden uns auch melden, wenn Unternehmensführer sich in einer solchen Zeit zum Teil in absurder Art Gehaltssteigerungen gön­nen, die von keinem anderen in dieser Gesellschaft nach­vollzogen werden können.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der FDP)
 
Deshalb ist vielleicht der Gesundheitsbereich derje­nige, in dem die meiste Arbeit zu leisten ist. Ich habe ei­gentlich nur eine Bitte, nämlich dass Sie von der Opposi­tion wenigstens nicht dauernd Dinge behaupten, die einfach nicht stimmen.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
 
Es ist nicht fair, einfach irgendetwas zu behaupten.
 
(Bettina Hagedorn [SPD]: Was denn?)
 
Die kostenlose Mitversicherung der Ehepartner wird weiter gewährleistet sein. Die Versicherung der Kinder wird, wenn Sie es so rechnen, inzwischen im Wesentli­chen aus dem Steuertopf bezahlt. Wir waren uns doch ei­nig, dass der steuerliche Ausgleich gerechter ist als der soziale Ausgleich über Beiträge. Das wissen Sie doch al­les.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Warum soll für einen Erwachsenen falsch sein, was für ein Kind richtig ist?
 
Gerade die SPD müsste doch sagen: Diejenigen, die viel verdienen, müssen das meiste zum Sozialausgleich in einem so sensiblen Bereich wie dem Gesundheitswe­sen beitragen. Das tun Sie aber nicht.
 
(Widerspruch bei der SPD)
 
Sie fangen an, auf eine ganz unverantwortliche Weise ir­gendetwas zu behaupten, was überhaupt nicht stimmt. Es gibt heute einen Sozialausgleich im Gesundheitssystem, und der erfolgt automatisch. Es wird auch später einen Sozialausgleich im Gesundheitssystem geben. Es geht im Augenblick nur um die Aufwüchse.
 
(Zurufe von der SPD)
 
– Hören Sie zu! – In jeder Legislaturperiode – das war bei Ihnen so, das war bei uns so, und das wird auch wei­ter so sein – steigen die Beiträge, wenn wir es geschickt machen, um ungefähr 1 Prozentpunkt und sonst um 1,5 Prozentpunkte. Sie haben keine Antwort auf die Frage, was man tun kann, um fortwährend steigende Lohnzusatzkosten zu vermeiden.
 
(Thomas Oppermann [SPD]: Bürgerversiche­rung! Ist doch klar!)
 
– Herr Oppermann, Sie sind viel zu intelligent, um nicht zu wissen, dass auch eine Bürgerversicherung einen Ar­beitgeberanteil benötigt, der dann dauernd steigt und die Lohnzusatzkosten erhöht.
 
Wenn Sie nicht wollen, dass über den Druck der Wirt­schaftlichkeit – weil die Gesundheitskosten an die Ar­beitskosten gekoppelt sind – nicht mehr jeder Mensch die Gesundheitsversorgung bekommt, die er eigentlich bekommen müsste, dann müssen Sie eine Entkopplung von den Lohnkosten für die Aufwüchse, die sich im Ge­sundheitswesen ergeben, hinbekommen. Ich sage: für die Aufwüchse!
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Es ist immer schade, wenn sich Illusionen zerstreuen. Auf jeden Fall wird es dann genauso einen sozialenAus­gleich geben. Die Aufwüchse werden von den Arbeits­kosten entkoppelt. Das ist ein richtiger Schritt dieser Ko­alition. Dabei werden wir den Gesundheitsminister unterstützen, sofern er überhaupt Unterstützung braucht. Er ist ja in seinen eigenen Aussagen ganz selbstständig.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
 
Es ist richtig, dass die Gesundheitskommission heute ihre Arbeit aufnimmt.
 
Genauso ist es richtig, dass der Bundesfinanzminister eine Gruppe zur Zukunft der Kommunalfinanzen, an der Sie über Ihre Länder Gott sei Dank mitarbeiten, ein­gerichtet hat. Es reicht doch nicht, einen Schutzschirm für die Kommunen aufzubauen, wie Sie es fordern. Das ist vielleicht etwas, das den Kommunen in einer Krise hilft. Aber langfristig sind die Kommunen in einem Zu­stand, wo die Finanzierung nicht auf Nachhaltigkeit be­ruht. Zwischen 2000 und 2008 sind in den Kommunen die Sozialausgaben um 50 Prozent gestiegen und die Baukosten um 20 Prozent eingebrochen. Dieser Weg muss umgekehrt werden. Da brauchen wir eine Trend­wende. Ansonsten wird es keine kommunale Politik mehr geben, die selbsttätig arbeiten kann und an der sich die Menschen aus Lust ehrenamtlich beteiligen. Wir wollen das. Deshalb stellen wir uns dieser Aufgabe. Man kann nicht vom ersten Tag an sagen, was alles nicht geht, sondern man muss überlegen, was geht; denn die Kom­munen sind die Grundlage des Lebens der Menschen in diesem Land.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Natürlich dürfen wir uns nicht nur um den Zusam­menhalt kümmern, sondern müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass die Globalisierung fortschreitet und dass wir unsere Art, zu leben, die soziale Marktwirtschaft und ihre Prinzipien, nur durchsetzen können, wenn es uns ge­lingt, die Globalisierung menschlich zu gestalten. Da sind allen voran die Finanzmarktregeln nach den Exzes­sen auf den Finanzmärkten zu nennen. Ich will hier in Erinnerung rufen: Einiges ist geschehen. Es hat keinen Sinn, dauernd so zu tun, als ob gar nichts geschehen wäre. Wir haben verbesserte Vorschriften über die Ei­genkapitalbasis der Banken. Wir haben einen Kabinetts­beschluss zu den Ratingagenturen, der jetzt beraten wird und mit dem eine europäische Richtlinie umgesetzt wird. Es wird klargestellt, dass Unternehmen nicht mehr gleichzeitig beraten und Produkte bewerten dürfen; das ist dringend notwendig.
 
Wir haben eine neue Bankenaufsicht – die Verhand­lungen darüber sind in Europa weit fortgeschritten –, mit der systemische Risiken europaweit besser überwacht werden können. Wir werden im Sommer einen Vor­schlag vorlegen, aus dem hervorgeht, wie die Aufsichts­funktionen in Deutschland gebündelt werden können. Wir wissen heute, dass es wichtig ist, dass Emittenten bei besonders riskanten Produkten, zum Beispiel bei Verbriefungen, einen Teil des Risikos in der eigenen Bi­lanz behalten müssen. Wir haben auch für die Entloh­nung von Bankern neue Regeln aufgestellt, die dem­nächst im Kabinett beraten werden. Wir werden in baldiger Zukunft einen Kabinettsbeschluss fassen, aus dem hervorgeht, wie wir es schaffen, die Abwicklung und Restrukturierung von Banken sicherzustellen, damit nicht wieder der Effekt eintritt, dass der Staat die Banken retten muss, wenn sie in eine Krise geraten. Die Banken sollen das selbst tun. BMJ und BMF arbeiten daran. Wir werden – das wurde in der G-20-Gruppe verabredet – im Juni Vorschläge vom IWF zur Beantwortung der Frage bekommen, wie man die Banken besser an den Kosten, die sie verursacht haben, beteiligen kann.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
 
Auf diese Vorschläge warten wir, weil wir das internatio­nal so verabredet haben. Es ergibt nämlich keinen Sinn, wenn wir in Deutschland so tun, als könnten wir das irgendwie erreichen. Sie haben heute Herrn Brown zi­tiert. Ich arbeite gut mit Gordon Brown zusammen, aber seine einmalige Besteuerung von Boni war nur halb so sinnvoll wie die Hedgefondsregulierungen, die wir ge­rade beraten und denen Großbritannien jetzt zustimmen sollte. Darum müssen wir kämpfen, und dafür erwarte ich Unterstützung.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Wir haben gesehen, dass wir in dieser Krise nicht nur Banken retten müssen, sondern dass jetzt auch im Euro­Raum eine schwierige Situation eingetreten ist, was Grie­chenland anbelangt. Es war richtig, dass sowohl Nicolas Sarkozy als auch der Ministerpräsident Papandreou, Jean-Claude Juncker und ich die Kommission aufgefordert haben – das geht nur europaweit –, die Finanzrichtlinie so zu ändern, dass die sogenannten nackten Credit De­fault Swaps, bei denen man Wetten auf etwas abschlie­ßen kann, das man nicht besitzt, verboten werden. Wolfgang Schäuble hat gestern zu den Leerverkäufen gesprochen. Das können wir aber nicht alleine machen. Wir sind in der Europäischen Union, und das fällt in de­ren Kompetenz. Ich denke, die Signale aus der Kommis­sion, dass dort etwas gemacht wird, sind richtig.
 
Das darf uns aber nicht vergessen lassen, dass die grie­chische Lage nicht durch die Spekulanten hervorgerufen wurde – sie wird durch die Spekulanten verstärkt –, son­dern dass sie durch die langjährige Verletzung des Stabi­litäts- und Wachstumspakts hervorgerufen wurde.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Deshalb steht der Euro vor seiner stärksten Herausforde­rung, die er je zu bewältigen hatte.
 
(Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Karamanlis!)
 
– Ich kann auch sagen, dass die Regierung Karamanlis daran beteiligt war. Auch deren Vorgängerregierung war schon daran beteiligt. Das hilft uns doch jetzt nicht. Wir müssen mit der Sache fertig werden. –
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Die Antwort können wir nur mit Blick auf die langfris­tige Stabilität des Euro finden. Da ist die schnelle Soli­daritätsleistung mit Sicherheit nicht die richtige Ant­wort, sondern die richtige Antwort heißt, die Sache bei der Wurzel anzupacken und die Probleme vernünftig zu lösen. Deshalb gibt es keine Alternative zu dem griechi­schen Sparprogramm und weiteren Anstrengungen in den nächsten Jahren. Ich finde es gut und richtig, und die griechische Regierung hat großen Mut bewiesen, jetzt 4 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt einzusparen, um das Defizit in einem ersten Schritt zu senken. Die Märkte haben das durchaus goutiert.
 
Wir müssen immer im Auge haben, dass Europa auf der einen Seite eine Friedensgemeinschaft ist. Deshalb kann in einem gemeinsamen Währungsraum – das gilt für alle Mitgliedstaaten, aber für die im Euro-Raum ver­sammelten besonders – kein Land völlig alleine gelassen werden. Deshalb haben wir auf dem Rat gesagt: Wir ste­hen natürlich insgesamt für die Stabilität des Euro ein. Wir können doch nicht zusehen, wie der Euro-Raum und damit auch unsere Grundlagen insgesamt instabil wer­den. Europa ist aber nicht nur eine Friedensgemein­schaft, sondern auch eine Stabilitätsgemeinschaft. Des­halb kann es nicht sein, dass wir einfach mit freundschaftlichen Bekundungen darüber hinweggehen, sondern die Erholung muss, wie ich es schon gesagt habe, von Griechenland ausgehen. Alles, was überhaupt gedacht wird, muss darauf ausgerichtet sein, dass wir nicht vorschnelle Hilfen leisten, sondern dass wir dafür Sorge tragen, dass das Ganze wieder in Ordnung kommt. Alles andere wäre fatal.
 
Europa ist auch eine Rechtsgemeinschaft. In dieser Rechtsgemeinschaft gibt es einen Vertrag. Deshalb ha­ben die Finanzminister richtigerweise gesagt, dass alles, was wir tun, dem europäischen Recht und – das haben sie mit Bedacht hinzugefügt – dem nationalen Recht ent­sprechen muss; denn wir haben ganz klare Gegebenhei­ten, die festlegen, was man überhaupt in einer Notsitua­tion tun kann und was nicht. Deshalb sage ich ganz klar, dass nichts gemacht werden kann, was gegen nationales Recht verstößt. Da sind uns Grenzen auferlegt.
 
Wir denken auch für die Zukunft; denn Europa ist un­sere eigene Zukunft. Deshalb hat Wolfgang Schäuble nicht für Griechenland Vorschläge gemacht, aber Wolfgang Schäuble hat Vorschläge gemacht, damit man eventuell den IWF nicht in allen Situationen rufen muss – was jetzt vielleicht der Ausweg sein müsste, wenn man etwas täte. Aber ich sage hier nichts darüber hinaus. Er hat Vorschläge gemacht, dass wir für die Zukunft ein Vertragswerk bekommen, aufgrund dessen es als Ultima Ratio sogar möglich ist, ein Land aus dem Euro-Raum auszuschließen, wenn es die Bedingungen langfristig immer wieder nicht erfüllt. Sonst kann man nicht zusam­menarbeiten.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Heute haben wir eben nicht das richtige Instrumenta­rium. Wir haben nicht gedacht, dass wir im Euro-Raum in eine Situation kommen, in der ein Land vielleicht vor der Zahlungsunfähigkeit steht. Die Antwort hieß damals: Die schärfste Sanktion ist, dass das Land Geld an die Kommission zahlen muss. Ein Land, das kein Geld hat, kann auch kein Geld an die Kommission zahlen, oder wir führen die Zahlungsunfähigkeit noch besonders be­schleunigt herbei; das wäre ja schwachsinnig. Es ist rich­tig, dass wir darüber hinausdenken und fragen: Wie müssten wir die Verträge entwickeln, damit man mit ei­ner solchen Situation umgehen kann? Auch bei Grie­chenland muss jetzt gelten, dass die Stabilitätsgemein­schaft im Vordergrund steht und dass wir nicht eine vorschnelle Hilfe leisten, die uns langfristig überhaupt nicht weiterbringt, sondern den Euro immer weiter schwächt.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Meine Damen und Herren, Europa gestalten heißt eben auch: Wirtschaftsregierung – ja, und zwar mit an­spruchsvollen Zielen und nicht mit der Frage „Wie kön­nen wir alle gemeinsam diese anspruchsvollen Ziele vielleicht nicht durchsetzen?“.
 
Außerdem heißt es: Protektionismus vermeiden. Ich könnte hier viel dazu sagen. In den letzten Monaten hat der Protektionismus weltweit zugenommen. Wir sind mit der Doha-Runde nicht weitergekommen. Für eine Exportnation wie Deutschland ist das jedoch zwingend notwendig.
 
Wir brauchen Datenschutz. Globale Digitalisierung ist gut. Wir brauchen aber auch den Schutz und müssen den Bürgerinnen und Bürgern sagen, dass die Dinge nicht so sind, dass Menschen auf ihre eigenen Daten gar keinen Zugriff haben.
 
Wir müssen natürlich auch viele außenpolitische Pro­bleme, über die ich heute aus Zeitgründen nicht reden kann, in den Griff bekommen.
 
Meine Damen und Herren, Deutschland ist eine tole­rante, eine offene Gesellschaft. Der Economist – nicht gerade eine Zeitung, die Deutschland immer nur in den höchsten Tönen lobt – hat über Deutschland in der ver­gangenen Woche geschrieben, dass es ein nicht nur le­benswertes, sondern auch ein liebenswertes und durch­aus auch reformfreudiges Land ist.
 
(Beifall des Abg. Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP])
 
Ich glaube, dass wir auf dieses Land stolz sein können, und das ganz besonders mit Blick auf das, was morgen hier in diesem Hohen Hause stattfindet, nämlich die Er­innerung an den 20. Jahrestag der ersten freien Wahl zur Volkskammer. Mit diesem Tag, dem 18. März 1990, ist der Einigungsprozess sozusagen unumkehrbar geworden. Das war ein tolles Gefühl, nach Jahrzehnten zum ersten Mal frei wählen zu können. Davon haben da­mals auch 93 Prozent der Menschen in der DDR Ge­brauch gemacht. Auch das zeigt, wie sehr man sich da­rauf gefreut hat.
 
Meine Damen und Herren, aufgrund dieser Erfahrung der letzten 20 Jahre bin ich optimistisch, dass wir es schaffen können, die Etappe, die jetzt Ost und West, das ganze Deutschland, gemeinsam in einem vereinten Eu­ropa zu gehen haben, zu einem Erfolg zu machen, über den unsere Enkel eines Tages einmal sagen: Mensch, das haben die in schwieriger Zeit gut gemacht. Aber wenn wir nicht zu einem Punkt kommen, an dem es uns ge­lingt, über notwendige Veränderungen und Weiterent­wicklungen in diesem Land so zu sprechen, wie es die Verantwortung gebietet, dann werden wir das nicht schaffen. Ich sage Ihnen: Die christlich-liberale Koali­tion ist zu dieser verantwortlichen Diskussion bereit.
 
(Thomas Oppermann [SPD]: Seit wann?)
 
Wir gehen mit Mut an die Arbeit.
 
Herzlichen Dank.
 
(Lang anhaltender Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Dr. Angela Merkel

Foto: Markus Hammes
Dr. Angela Merkel


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